Der Traum als Topos im tschechischen Surrealismus - Traumtexte und Traumbilder von Jindřich Štyrský

Im Jahre 1924 veröffentlicht André Breton in Paris das „Manifest des Surrealismus“ und begründet damit eine der wichtigsten avantgardistischen Strömungen der Literatur und der bildenden Kunst Europas. Basierend auf eigenständigen literarischen und bildkünstlerischen Konzeptionen setzen sich die tschechischen Poetisten um Karel Teige mit der surrealistischen Programmatik vorerst kritisch auseinander, begründen jedoch schließlich 1934 die Gruppe der Surrealisten in Prag. Zu deren Gründungsmitgliedern gehört auch der tschechische Maler und Dichter Jindřich Štyrský.
Štyrský macht die Bearbeitung von Traummotiven zu seinem ästhetischen Prinzip. Er notiert, ähnlich wie die französischen Surrealisten, seine Träume, fixiert sie teilweise auch visuell und nutzt sie außerdem als Inspirationsquelle für spätere sowohl bildkünstlerische Arbeiten als auch literarische Texte. Dies manifestiert sich in Štyrskýs Traumnotaten aus dem Band "Sny 1925-1940" (Träume) sowie in deren Weiterbearbeitung und Transformationen im Prosatext "Emilie přichází ke mně ve snu" (Emilie kommt im Traum zu mir), dem sich einige Fotocollagen anschließen. Die vorerst ablehnende Haltung Štyrskýs gegenüber der surrealistischen Begeisterung für das Unbewusste und die gleichzeitige intensive Auseinandersetzung mit seinen Träumen und Traummotiven scheinen zueinander im Widerspruch zu stehen. Deshalb stellt sich die Frage, inwiefern sich die Verfahren der Traumarbeit Štyrskýs von jenen in den französischen "récits de rêve" (Traumberichte) unterscheiden.
Im Referat wurden vor allem Štyrskýs Verfahren der Traumarbeit anhand ausgewählter Traumnotate und deren textuelle sowie intermediale Bearbeitung im Prosatext "Emilie přichází ke mně ve snu" vorgestellt werden. Unter der Prämisse, dass die Verbindung der tschechischen Avantgarde-Konzeptionen mit denen des französischen Surrealismus zu neuen Perspektiven führt, orientiert sich die Analyse an Charakteristika literarischer Traumtexte, welche die Romanistin Susanne Goumegou in ihrer Untersuchung "Traumtext und Traumdiskurs. Neval, Breton, Leiris" herausgearbeitet hat. Das Hauptaugenmerk liegt dabei jedoch auf Štyrskýs eigenständiger Herangehensweise an die „Wiederverwertung“ schon fixierter eigener Motive und Stoffe.

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